Wissenswertes
Ursprünge
Der erste Beleg einer positiv besetzten Kultur des Spendens und der Solidarität mit Hilfsbedürftigen findet sich in der jüdischen Tradition. Hier ist insbesondere das alttestamentarische Gebot des Zehnten zu nennen, durch den Schriftgelehrte, Fremde, Waise und Witwen unterstützt werden (Dtn. 26,12). Während Reichtum in Alten Testament überwiegend als erstrebenswertes Gut gesehen wird, ist aus dem Neuen Testament eine deutlich kritischere Einstellung zu Geld und Reichtum herauszulesen (siehe Mt. 6,19 und Lk. 12,33).
Im Neuen Testament wird die jüdische Wertschätzung des Almosens weitergeführt und die Fürsorge für Hilfsbedürftige zu einem zentralen Bestandteil christlichen Lebens ausgebaut. Dies entspricht der Mission Jesu, der in seinem Leben sich besonders den Armen und Hilfsbedürfitigen zugewandt hat. Der Apostel Paulus organisiert die ersten Geldsammlungen, um seine Missionstätigkeit und die Gemeinde in Jerusalem finanziell zu unterstützen (2. Kor. 9,6-15). Diese Sammlungen und Kollekten wurden in den folgenden Jahrhunderten ausgeweitet. Sie haben Jahrhunderte lang zur Finanzierung zahlreicher Kirchen, Klöster und karitativer Einrichtungen beigetragen.
Entstehung des Stiftungswesens
Die Ursprünge des Stiftungswesens lassen sich in Deutschland bis ins frühe Mittelalter zurückverfolgen. Damals gründeten wohlhabende Bürger Anstaltsstiftungen, um bedürftige Menschen zu unterstützen und Bildungseinrichtungen wie beispielsweise Universitäten zu gründen. Neben dem Wunsch, sich für das Allgemeinwohl zu engagieren, war mit der Stiftungsgründung das Bedürfnis verbunden, sein Andenken zu wahren und etwas für das eigene Seelenheil zu tun („Caritas und Memoria“). Da Stiftungen "für die Ewigkeit" gegründet werden, besteht die älteste deutsche Stiftung seit annähernd 1000 Jahren.
Aufklärung, Kirchensteuer und Sozialstaat
Die politische Aufklärung schuf im frühen 19. Jahrhundert eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung des gemeinnützigen Sektors. Ermöglicht durch die Aufklärung fanden sich Menschen ständeübergreifend zusammen, um ihre Interessen in Vereinen zu pflegen. Auf Seiten der Kirchen kam es durch die Säkularisation zu einem Verlust kirchlicher Einnahmequellen. Um den Kirchen eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen, wurde ihnen staatlicherseits das Besteuerungsrecht eingeräumt, dessen Grundlage Artikel 137 Abs. 6 der Weimarer Verfassung von 1919 ist.
Die Industrialisierung und die damit einhergehende Verelendung eines Teils der arbeitenden Bevölkerung förderte im ausgehenden 19. Jahrhundert die Bildung einer großen Zahl karitativer Vereinigungen. Durch die Sozialgesetzgebung Ende des 19. Jahrhunderts wurden die neu gegründeten Wohlfahrtsverbände legitime Partner der wohlfahrtsstaatlichen Leistungserstellung.
Neuere Entwicklungen
In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam es nach der Zäsur der nationalsozialistischen Diktatur zu einem neuen Aufschwung des gemeinnützigen Bereichs. Damals schlossen sich engagierte Bürger zusammen, um sich für bestimmte gesellschaftliche Anliegen, z. B. bessere Kinderbetreuung, gesunde Umwelt und Frieden einzusetzen.
Die Ausbreitung von Massenkommunikationsmitteln und die größere Mobilität sorgten seit den 90ern für ein Anwachsen transnational agierender Organisationen. Diese Nichtregierungsorganisationen, beispielsweise Attac, Transparency International stehen für bestimmte Themen und werden von Regierungen als legitime Ansprechpartner für diese Themen wahrgenommen.
Aktueller Stand
In Deutschland gibt es derzeit etwa 500.000 eingetragene Vereine. Von diesen Vereinen verfolgt ungefähr die Hälfte gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche Zwecke. Darüber hinaus bestehen in Deutschland etwa 15.000 rechtsfähige Stiftungen des bürgerlichen und schätzungsweise 100.000 Stiftungen des kirchlichen Rechts.
Der gemeinnützige Sektor ist in Deutschland durch eine Zweitteilung gekennzeichnet. Ein Bereich, das Sozial- und Gesundheitswesen und der Bildungsbereich, wird überwiegend von staatlichen Leistung finanziert. Der andere Bereich, Kunst und Kultur sowie Sport und Bürgerinitiativen, wird überwiegend vom bürgerschaftlichen Engagement getragen. Für beide Bereiche jedoch gilt, dass in den vergangenen Jahren die finanziellen Mittel seitens des Staates zurück gegangen sind. Die gemeinnützigen Einrichtungen sind deshalb herausgefordert sich neue Finanzierungsquellen zu erschließen.
Insgesamt arbeiten in Deutschland im gemeinnützigen Bereich zwei Millionen Menschen. Das entspricht etwa 5% der arbeitenden Gesamtbevölkerung. Im Gegensatz zum übrigen Arbeitsmarkt ist der gemeinnützige Bereich einer der wenigen Bereiche, in denen in den vergangenen Jahren neue Arbeitsplätze entstanden sind.




